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Geschichte bis 1945
Friedrich I., seit 1701 König in Preußen, hatte damit
begonnen, seine Residenzstadt Berlin dadurch aufzuwerten, dass
er ab 1688 die Friedrichstadt, eine Vorstadt außerhalb des
alten Stadtkerns, anlegen ließ. Sein Sohn und Nachfolger
Friedrich Wilhelm I. (der Soldatenkönig) baute
sie erheblich aus. Die Friedrichstadt wurde unter Leitung des
Oberbaudirektors Philipp Gerlach nach Süden bis zum Halleschen
Tor erweitert. Es war eines von vierzehn Toren in der neuen Zollmauer
(Akzisemauer), die der König rings um die Stadt errichten
ließ. In den Jahren 1732 bis 1734 entstanden unmittelbar
hinter dieser Mauer drei repräsentative Plätze, die
zunächst nach ihren Grundrissen benannt wurden: Im Westen
das Viereck, auch Karree oder Quarrée (der heutige Pariser
Platz), und das achteckige Oktogon (heute der Leipziger Platz),
im Süden das Rondell, heute Mehringplatz, dessen städtebauliches
Vorbild die Piazza del Popolo in Rom war. Die drei großen
Nord-Süd-Verbindungen der Friedrichstadt in der Mitte
als Hauptachse die Friedrichstraße, seitlich Wilhelmstraße
und Lindenstraße wurden auf dem Rondell zusammengeführt.
Über die Plätze hinter den Zollschranken wurden Menschen
und Waren in die verschiedenen Stadtteile weitergeleitet.
Rondell und Hallesches Tor waren während der napoleonischen
Kriege Schauplätze besonderer Ereignisse, immer unter großer
Anteilnahme der Bevölkerung: Hier zogen die französischen
Besatzungstruppen 1806 in die Stadt ein, hier verließen
sie Berlin im Jahre 1813 wieder. Im August desselben Jahres rückten
durch dieses Tor die preußischen Truppen und ihre Verbündeten
zur Schlacht bei Großbeeren aus, wo sie den Franzosen eine
schwere Niederlage zufügten und so die erneute Besetzung
Berlins verhinderten.
Die hygienischen Verhältnisse blieben lange katastrophal,
Abwässer aller Art flossen offen in den Rinnsteinen. Nach
einer Überschwemmung im Jahre 1829 erhielt der Platz 1834
eine Kiesaufschüttung von 1,25 m Höhe. In einer zweiten
Phase wurde der nochmals höher gelegte Platz 1839 mit einer
repräsentativ gestalteten Grünanlage versehen. Inzwischen
hatte auch die Entwicklung zur gutbürgerlichen Wohngegend
begonnen, eine Tendenz, die sich in den folgenden Jahrzehnten
verstärkt fortsetzte. Die ursprüngliche Bebauung hatte
aus einfachen, schlicht verputzten zweistöckigen Häusern
bestanden. In der Mitte des 19. Jahrhunderts beherrschten vier-
bis fünfstöckige klassizistische Bauten das Bild, später
zeigten die Fassaden die ausladenden Schmuckformen der Gründerzeit.
Nach dem Wegfall der Akzisemauer wurde um 1870 auch das Hallesche
Tor abgerissen, die Ortsbezeichnung aber beibehalten. Die Nutzung
des Platzes für Wochenmärkte wurde 1886 eingestellt,
man brauchte Raum für die neuen Verkehrsmittel Omnibus und
Straßenbahn. Seit 1902 hält die U-Bahn am Bahnhof Hallesches
Tor. Je weiter sich Berlin ausdehnte, desto mehr wurde die südliche
Friedrichstadt in das Berliner Zentrum integriert, damals die
Machtzentrale des Kaiserreichs. Der nahe gelegene Belle-Alliance-Platz
bot großbürgerlichen Wohnkomfort und eine gepflegte
Umgebung. Nach und nach schmückten Skulpturen die Anlage,
seit 1843 die zentral aufgestellte, 19 Meter hohe Friedenssäule
mit der aus Bronze bestehenden Statue der Siegesgöttin
Viktoria von Christian Daniel Rauch. Die Figur symbolisiert den
ruhmreichen militärischen Sieg, nach preußischer Staatsauffassung
eine Vorbedingung des Friedens. Das Bildprogramm des Platzes wurde
1876 erweitert durch Allegorien der vier Siegermächte von
Waterloo (oder Belle-Alliance), 1879 folgten noch die Plastiken
Der Friede und Die Geschichtsschreibung.
Als im Jahre 1920 die neue Stadtgemeinde Groß-Berlin gebildet
wurde, fasste man die Gegend um den Belle-Alliance-Platz, die
östlich angrenzende Luisenstadt und die Tempelhofer Vorstadt
zum neuen Bezirk Kreuzberg (zunächst Hallesches Tor)
zusammen.
Das vorläufige Ende kam am 3. Februar 1945. Die Nähe
zur Innenstadt, insbesondere zum Regierungsviertel wurde dem Platz
und seinen Bewohnern zum Verhängnis. 1500 amerikanische Flugzeuge
warfen 1½ Stunden lang Spreng- und Brandbomben auf das
Gebiet nördlich des Landwehrkanals und verwandelten es in
ein Trümmerfeld. Selbst diese Ruinen waren gegen Kriegsende
noch hart umkämpft. Mit Barrikaden auf der Belle-Alliance-Brücke
glaubte man die von Süden heranrückenden sowjetischen
Truppen aufhalten zu können. Viele Menschen starben bei diesem
sinnlosen Versuch.
Baugeschichte nach 1945
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde der Platz als total
zerstört eingestuft. Die ursprüngliche Verkehrsführung
blieb bis in die späten 1960er Jahre erhalten, sie verlief
jedoch durch kahles, unbebautes Gelände. In der völligen
Zerstörung sahen Stadtplaner und Architekten auch eine Chance
zu völlig neuen Entwicklungen. Der Architekt Hans Scharoun
gewann einen Wettbewerb von 1959/1962 (vor bzw. nach dem Bau der
Berliner Mauer) für die Bebauung des Mehringplatzes. Für
Scharoun spielte die Gestaltung des sozialen Lebensraumes eine
entscheidende Rolle, er propagierte die bewohnbare Stadtlandschaft,
eine
anstelle von Straße und Straßenbild
parkähnliche Grünlandschaft, in die sich die zum Block
vereinten Wohnzellen hineinlagern
.
1968 übernahm der Architekt Werner Düttmann die Arbeiten
am Mehringplatz von seinem Lehrer Scharoun, der 1972 starb. Die
stadtplanerischen Vorgaben hatten sich inzwischen grundlegend
gewandelt. Der Platz sollte nun ein verdichtetes Wohngebiet nach
den Maßgaben des Sozialen Wohnungsbaus werden. Da die finanziellen
Mittel knapp waren, musste mit stark schematisierten Wohnmodulen
gearbeitet werden. Zwei konzentrische Ringe von Wohngebäuden
mit vier und sechs Stockwerken umschließen den Platz, der
als reine Fußgängerzone gestaltet wurde. Dazu kam eine
Reihe von Ergänzungsbauten im nahen Umfeld. Die historische
Straßenführung wurde verändert, Wilhelm- und Lindenstraße
münden seitlich in die Uferstraße am Landwehrkanal,
die befahrbare Friedrichstraße endet vor dem nördlichen
Zugang zum Platz.
Heutige Situation
Neubauprojekte mit Zubringern, Wohnhäuser für sozial
Schwache und Hochhäuser prägen das Quartier Südliche
Friedrichstadt insgesamt und auch den Mehringplatz mit seiner
unmittelbaren Umgebung. Die Probleme eines sozialen Brennpunktes
erforderten seit den frühen 1990er-Jahren verschiedene Maßnahmen
zur Aufwertung des Areals. Zwischen 1993 und 2001 wurde das Gebiet
abschnittsweise saniert, in der Folge wurde unter anderem eine
einheitliche Satellitenanlage für TV-Empfang und leichteren
Internet-Zugang installiert. Ein aus städtischen Mitarbeitern
und Mitgliedern freier Träger und Initiativen bestehendes
Quartiersmanagement hat zum Ziel, unter Beteiligung der Bewohner
die Lebens- und Arbeitsbedingungen im Gebiet zu verbessern. Mit
Mitteln der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung werden
aus einem Bewohnerfonds kleinere Vorhaben, aus einem Projektfonds
größere Projekte finanziert; eine Bürger-Jury
und eine Projekte-Jury entscheiden über die Umsetzung der
Anträge. 2004 wurde im Rahmen des Aktionsforums Mehringplatz
eine Befragung der Bewohner durchgeführt, Thema war die subjektiv
empfundene Wohnqualität. Man wünschte sich gepflegtere
Grünanlagen und Spielplätze und beklagte den starken
Konsum von Alkohol und Drogen am Platz.
Weil das Quartier um den Mehringplatz und der früher zur
DDR gehörige Ortsteil Mitte nahe beieinander liegen, begann
bald nach dem Fall der Berliner Mauer eine Diskussion darüber,
wie die vormals getrennten westlichen und östlichen Stadtteile
zusammenwachsen sollten. Während einige Stadtplaner und Architekten
eine möglichst zügige Integration des Viertels in die
Strukturen der neuen Berliner Innenstadt bevorzugen, befürworten
andere eine behutsame, bürgernahe Politik der Restaurierung
und Instandsetzung bestehender Baustrukturen.
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Die historischen Bildwerke auf dem Mehringplatz
sollen in naher Zukunft durch ein umfassendes Kunstvorhaben
ergänzt werden. Der 1999 gegründete Verein Kunstwelt
Berlin arbeitet an der Förderung und Durchführung
der Projekte Das Orakel von Berlin und Pfad
der Visionäre. Für das Orakel
hat die französische Künstlerin Niki de Saint Phalle
zwei monumentale Skulpturen entworfen, ein 12 m hohes Sonnentor,
bestimmt für den südlichen Ausgang des Platzes,
und ein Mondtor für die Nordseite. Realisiert wurde seit
2006 der Pfad der Visionäre. In drei Reihen
sind in die Fußgängerzone Platten eingelassen,
je etwa einen Quadratmeter groß. Auf ihnen finden sich
Zitate bedeutender Europäer. Die Auswahl erfolgte durch
eine namhafte Jury in Zusammenarbeit mit der jeweiligen Botschaft.
Im Mai 2008, zum III. Europafestival Berlin, sollen die jetzt
27 Platten von unten beleuchtet und damit die Installation
fertig gestellt werden. |
Im weiteren Einzugsbereich des Mehringplatzes findet man in nördlicher
Richtung den Berliner Blumengroßmarkt, das traditionelle
Zeitungsviertel an der Kochstraße (jetzt: Rudi-Dutschke-Straße)
mit dem Verlag Axel Springer und der alternativen Tageszeitung
taz, unweit davon den ehemaligen alliierten Kontrollpunkt
Checkpoint Charlie, der während des Kalten Krieges an der
Trennlinie der geteilten Stadt stand und heute an diese Zeit erinnert.
Im Nordwesten erreicht man das Gelände des einstigen Anhalter
Bahnhofs, etwas weiter entfernt den Potsdamer Platz. Nordöstlich
des Platzes liegt das Jüdische Museum, im Osten das zentrale
Schwimmbad Kreuzbergs, das Prinzenbad. Nach Süden und Südwesten,
jenseits des Landwehrkanals, schließt sich mit vielen erhaltenen
Altbauten das traditionelle im Kriege weniger zerstörte
Kreuzberg an.
Verkehrsanbindung
Der Mehringplatz ist durch den U-Bahnhof Hallesches Tor (Linien
U1 und U6) sowie mehrere Buslinien an das BVG-Verkehrsnetz angebunden,
der in der Nähe gelegene Anhalter Bahnhof bietet zudem eine
Verbindung zur S-Bahn.
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