Geschichte
Friedrichshain gliedert sich historisch in die Gebiete östliche
Stralauer Vorstadt, Boxhagen, Stralau, Samariterviertel und die
östliche Königsstadt, dazu die ehemals zu Berlin-Lichtenberg
gehörende Kolonie Friedrichsberg. Vor 1920 verlief die Stadtgrenze
quer durch den Bezirk. Zumindest dem Namen nach zeugen davon das
Frankfurter Tor und die Oberbaumbrücke als Bezeichnungen
alter Zollstationen. Das ehemalige Stadttor Frankfurter Tor (siehe
auch: Berliner Zoll- und Akzisemauer) befand sich auf Höhe
der U-Bahnhofes Weberwiese. Die heutige Lage des Frankfurter Tors
an der Kreuzung Warschauer Straße /Karl-Marx-Allee verwirrt
daher nicht nur den Ortsunkundigen. Erst mit der Neuordnung der
Stadt Berlin in den 1920er Jahren entstand das heutige Gebilde,
das sich in sechs Gebiete unterteilt, die durch die großen
Straßen des Bezirkes gegliedert werden, zuzüglich Stralau
und Stralauer Kiez im Süden an der Spree.
Friedrichshain war in den 1920er- und 1930er-Jahren eine Hochburg
der Sozialdemokraten und Kommunisten. Im Zuge der Machtergreifung
der Nationalsozialisten kam es in Friedrichshain immer wieder
zu blutigen Auseinandersetzungen mit den Schlägertrupps der
SA, in deren Folge das SA-Mitglied Horst Wessel getötet wurde.
Die Nationalsozialisten nutzten diesen Anlass zu zahlreichen Übergriffen
und Morden an politisch Andersdenkenden. Von 1933 bis 1945 trug
der Bezirk den Namen Horst-Wessel-Stadt.
In den 1930er Jahren hatte Friedrichshain etwa 340.000 Einwohner.
Vor dem Zweiten Weltkrieg und während des Bestehens der
DDR war Friedrichshain ein Arbeiter-Bezirk mit vielen Industrie-
und Gewerbebetrieben. Der im Süden von Friedrichshain gelegene
Osthafen war zu DDR-Zeiten einer der wichtigsten Warenumschlagplätze
in Ost-Berlin. Die alten Lager- und Kühlhäuser am Ufer
zeugen noch heute von dieser Zeit. Ursprünglich hatte der
Osthafen einen eigenen U-Bahnhof, der direkt an die Oberbaumbrücke
anschloss. Dieser Bahnhof wurde nach seiner Zerstörung im
Zweiten Weltkrieg nicht wieder aufgebaut. Zu DDR-Zeiten war der
Osthafen Grenzgebiet und daher nur noch eingeschränkt nutzbar.
Nach der Wende wurden einige Hafengebäude aufwändig
saniert. Das größte Lagergebäude direkt an der
Oberbaumbrücke wird heute von Universal Music als Firmenniederlassung
genutzt, daneben hat der Musiksender MTV sein Quartier bezogen.
Das nördlich vom Hafen gelegene Industriegebiet ereilte
nach dem Mauerfall ein ähnliches Schicksal. Die Deutsche
Gasglühlicht AG hatte dort ein großes Werk zur Herstellung
von Glühlampen errichtet, das 1919 von Osram übernommen
wurde. Zu DDR-Zeiten wurde das im Krieg stark zerstörte Werk
wieder als Berliner Glühlampenwerk aufgebaut und 1969 in
das Kombinat Glühlampenwerke NARVA umgewandelt. Die Glühlampenwerke
NARVA haben auf dem Gelände insgesamt 5000 Arbeiter beschäftigt.
Nach deren Abwicklung verschwand nicht nur diese enorme Anzahl
an Arbeitsplätzen, sondern auch der Begriff NARVA aus Berlin
und Friedrichshain fast vollständig. Einzig der Sportverein
SG NARVA Berlin und der Club NARVA Lounge erinnern
noch an den Leuchtmittel-Hersteller.
Nach der Wende wurde das gesamte Areal an einen großen
Investor verkauft, der jedoch an einer weiteren industriellen
Produktion kein Interesse hatte. Der Gebäudekomplex, der
heute Oberbaum-City genannt wird, wurde mit einem Kostenaufwand
von über einer Milliarde Euro saniert und in der Folge vor
allem an Dienstleistungsbetriebe vermietet. Insgesamt haben sich
heute ca. 70 Firmen mit etwa 2200 Beschäftigten angesiedelt.
Zu dem Industrieareal gehört Berlins ältestes Hochhaus
(Narva/Osram-Turm), das 1909 errichtet wurde. Nach der Sanierung
wurde der Turm um einen fünfgeschossigen Glasaufsatz erweitert.
Seit der Turm mit Lichtinstallationen versehen wurde, erhebt er
sich wie ein Pilz über die umliegenden Gebäude.
Im Osten von Friedrichshain liegt ein weiteres ehemaliges Industriegebiet.
Dort und im angrenzenden Lichtenberg hat ab 1904 Georg Knorr einen
großen Büro- und Fabrikkomplex errichtet (Knorr-Bremse
AG), der heute zum größten Teil von der Deutschen Rentenversicherung
genutzt wird. Die Knorr-Bremse AG wurde 1954 in VEB Berliner Bremsenwerk
umgewandelt. Heute befindet sich in einem der Gebäude ein
Museum der Knorr-Bremse AG.
Im Jahre 1874 wurde auf Anraten von Rudolf Virchow das erste
städtische Krankenhaus Berlins, das Krankenhaus im
Friedrichshain, nach sechsjähriger Bauzeit eröffnet.
Es wurde unmittelbar an der Landsberger Allee im Volkspark Friedrichshain
erbaut, der zum Ausgleich nach Osten hin um den so genannten Neuen
Hain erweitert wurde. Im Krankenhaus befand sich unter anderem
das erste Nierentransplantationszentrum der DDR. Heute gehört
das Krankenhaus zu der Vivantes GmbH und ist Unfall-Schwerpunkt-Krankenhaus.
Während des Zweiten Weltkriegs gab es intensive Kämpfe
an der Frankfurter Allee, die dadurch fast vollständig in
ihrem Bestand zerstört wurde und nach dem Wiederaufbau von
den Bauten im Zuckerbäckerstil geprägt wurde. Nach dem
Krieg hieß die Straße Stalinallee, bevor sie im Zuge
der späten Entstalinisierung in der DDR 1961 in Karl-Marx-Allee
bzw. Frankfurter Allee umbenannt wurde. Am 17. Juni 1953 begann
hier der Aufstand der Bauarbeiter. Nahe dem Frankfurter Tor wurde
1962 das Kino Kosmos eröffnet damals das
größte und modernste Kino der DDR. 1996 wurde es zum
ersten Multiplex-Kino Berlins erweitert und Ende 2005 erneut umgebaut
zum Veranstaltungszentrum.
Die Bauten der Karl-Marx-Allee stehen heute unter Denkmalschutz
und wurde in den letzten Jahren aufwändig saniert. In der
Zeit bis zur Wende wurden nördlich und südlich dieser
Magistrale allerdings weniger ansehnliche Plattenbauten errichtet.
In der Wendezeit und danach nutzten viele Hausbesetzer aus der
linken Szene vor allem West-Berlins den hohen Leerstand
in den unsanierten Altbaugebieten im östlichen Teil des Bezirks,
um neue Hausbesetzungen durchzuführen. 1990 endete diese
Hausbesetzerwelle mit Straßenschlachten in der Mainzer Straße.
Viele der Häuser wurden durch die Polizei geräumt (siehe:
Räumung der Mainzer Straße). Einige der ehemaligen
Besetzer wohnen noch in ihren Häusern. Aus der
Hausbesetzer-Offkultur entstanden nicht selten wichtige und beliebte
soziokulturelle Einrichtungen in Friedrichshain: Bars, Veranstaltungsräume,
Beratungsstellen, Videokinos. Dies trug wohl auch dazu bei, dass
Friedrichshain immer mehr zuziehende Studenten und Touristen anlockt,
die den Szene-Stadtteil für sich entdecken.
Ende der 1990er-Jahre entwickelte sich die Gegend um die Simon-Dach-Straße
zum Kneipenviertel mit vielen kleinen Läden, die eher junges
Publikum aus der ganzen Stadt anziehen. Insbesondere die vielen
Kneipen mit ihren zahlreichen Sitzplätzen auf den breiten
Gehsteigen sind bei einigen Anwohnern nicht nur auf Gegenliebe
gestoßen: In jüngster Zeit ist Friedrichshain
insbesondere die Simon-Dach-Straße des Öfteren
in die öffentliche Diskussion um Lärmbelästigung
geraten. Vor allem in den Sommermonaten entbrennt regelmäßig
Streit zwischen Anwohnern und Gastronomen.
Heute ist der größte Teil der Altbauten saniert und
der Bezirk befindet sich im fortschreitenden Gentrifizierungsprozess.
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